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Carlo, der Daumenlutscher
 

Der Katzenwelpe den man mir eines schönen Sommertages in die Hände legte, hatte in seinem kurzen Leben schon eine rechte Odyssee hinter sich. Ob ihn seine Mutter vergessen oder auf der Flucht verloren hatte, oder ob er das Opfer eines dusseligen Katers wurde, der ihn als Maus identifizierte, keiner weiß das genau. Liebe Menschen fanden ihn in Hockenheim, und da sie sich nicht zu helfen wussten, brachte man den Findling nach Schwetzingen zu einer Kollegin. Die wiederum verwies die Leute an eine andere Tierschützerin und von da kam er endlich zu mir. Der kleine Spatz war höchstens 24 Stunden alt, hatte riesige Pfoten und lange Gliedmaßen. Er versprach einmal ein schöner großer Kater zu werden. Sei Fell war überwiegend weiß und er hatte nur ein getigertes Mützchen an, einen ebensolchen Schwanz und einen Fleck an einer Flanke und einem Hinterbein. Mit diesem Outfit glich er einem herrenlosen Kater, der leider kurz zuvor an chronischem Katzenschnupfen gestorben war und der den Namen Carlo hatte. So wurde das Katzenbaby einfach Klein Carlo getauft.

Einen Namen hatte er somit bekommen, immerhin. Doch was nutzte der dem kleinen Kerl, wenn wir keine Katze mit Milchbar auftreiben konnten. Ich selbst war durch mehrere tote Kätzchen in der letzten Zeit doch recht ängstlich und unsicher geworden, was die Aufzucht von neugeborenen Katzen betraf. Immerhin zeigte der kleine Kater bei seiner ersten Flasche Milch einen guten Saugreflex und auch die Beinchen versuchten schon erste Melkbewegungen. So wagte ich doch noch einen Versuch und Carlo wuchs tatsächlich. Er trank meistens sogar mehr, als es für sein Alter angegeben wurde. Tagsüber schlief er zur Sicherheit in einem Hasenkäfig, der im Wohnzimmer stand. So bekam er von Anfang an das volle Familienleben mit Hund und Katzen und dem ganzen Publikumsverkehr mit. Die „Villa Hasenheim“ war mit allem ausgestattet, was so ein Katzenzwerg brauchte. Im Katzenkorb ein kuscheliges Baumwollfell und darunter in zwei Mullwindeln eingewickelt ein Heizkissen. Später kamen noch ein Minikatzenklo und ein Wassernapf dazu. Nachts wanderte Carlo gut in einem Transportkorb verpackt mit in unser Schlafzimmer, wo er vor meinem Bett stand. So bekam ich genau mit, wann ihn der Hunger aufweckte.

 

In die ersten vier Wochen seines Lebens fiel auch die Hochzeit unserer großen Tochter. An einem Tag war der Standesamttermin mit anschließendem Mittagessen und am nächsten Tag kirchliche Hochzeit und danach gab es großes Küchenbüffet und wieder ein opulentes Abendessen. Das bedeutete für uns als Brauteltern stundenlange Abwesenheit von Zuhause. Was macht man nun mit einem kleinen Katzenbaby in dieser Zeit? Nun, genau das was andere Mütter mit ihren Babys auch tun....man nimmt sie mit. Natürlich nicht ins Standesamt, und auch nicht in die Kirche. Davor wurde der kleine Mann geweckt, und er bekam außerhalb seiner normalen Zeit einen tüchtigen „Schoppen“. Aber in die diversen Gaststätten musste er mit, inklusive seiner Mahlzeiten und großen Packungen Kleenextüchern für seine Hinterlassenschaften. Da wurde sogar die Braut für kurze Zeit zur Nebensache bei Gästen und Gastwirten. Diese Hürde hatten wir mit Bravour gemeistert.

Doch dann kam eine schlimme Zeit für uns und den kleinen Kater. Carlo wurde sehr krank. Vier Wochen lang gedieh er prächtig Dann bekam ich zwei neue Katzenbabys, die aber an einer Durchfallerkrankung litten. Bei ihnen muss sich unser kleiner Carlo angesteckt haben. Er bekam auch Durchfall und Bauchschmerzen. Immerhin schmeckte ihm noch seine Milch. Die Behandlung schlug bei ihm an und wir dachten schon, er hätte alles überstanden. Da wollte er auf einmal nicht mehr fressen. Von Tag zu Tag wurde er weniger und er schien auch Schmerzen zu haben. Das Gesicht unseres Tierarztes wurde immer bedenklicher und schließlich musste unser Baby an den Tropf. Das sagt sich so leicht, aber bei so einem kleinen Wesen die Kanüle zu legen bedeutet viel Können und noch mehr Glück. Drei Tage und einige Spritzen und Infusionen später gab es immer noch keine Besserung, obwohl ich zum Schluss den Eindruck hatte, dass Carlo wieder Interesse für sein Futter zeigte aber nicht fraß. Als ich dem Tierarzt die Situation schilderte, sagte er, er wolle etwas anderes versuchen. Dann gab er Carlo ein Schmerzmittel. Es war ein durchschlagender Erfolg. Carlo machte sich nach drei Stunden über den ersten Brocken Katzenfutter her. Vierzehn Tage nach den ersten Krankheitszeichen, zehn Tage nachdem er zum ersten Mal sein Futter verweigerte, fraß er wieder. Nur wenig zurzeit, aber er fraß. In diesen zwei Wochen hatte er natürlich nicht nur das Katzenfutter, sondern auch seine Flasche verweigert, die er immerhin noch drei bis vier Mal pro Tag bekam. Inzwischen war Carlo sieben Wochen alt geworden und ich rechnete nicht mehr damit, dass er noch einmal seine Flasche einfordern würde. 

Dann plötzlich ein unbekanntes Röhren, laut, durchdringend und lang anhaltend, Carlo lies zum ersten Mal in seinem Leben seine Stimme ertönen. Er hatte eine Stimme wie ein Pfau die unleugbar Siamerbe verriet. Her mit der Flasche schien er zu schreien.

Von da an ging es aufwärts mit ihm. Er hatte allerdings jetzt gelernt, dass Schreien auch Milch bedeutete und die ertönte nun recht oft. Als Carlo 5 Monate alt war, forderte er immer noch ein- bis zweimal am Tag seine Milch ein, die er auch brav trank. Dabei hing er auf meiner Hüfte wie ein nasser Sack, hinten die Beine übern Po baumelnd und vorne am Bauch die Flasche in den Pfoten.

Seine Flasche bekommt er inzwischen nicht mehr, dafür lutscht er beim Schmusen immer an einem seiner Zehen, immer an demselben und schmatzt dabei sehr laut. Carlo blieb natürlich bei uns, denn so ein Daumenlutschendes Mamakind konnten wir natürlich nicht wieder hergeben